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NZZ am Sonntag vom 05.07.2026: Eine verlorene Generation? «KI wird dich deinem Job kosten».
Neue Zürcher Zeitung: Bei Stellensuchenden ist die KI bereits angekommen – bei Firmen noch nicht
aus dem e-Paper vom 15.04.2026 von Andrea Marti
Eine Studie aus Zürich zeigt, wo heute schon KI zum Einsatz kommt – und was das für Konsequenzen hat
«Bitte schreibe ein personalisiertes Anschreiben für [Stellenbezeichnung einfügen] bei [Unternehmen einfügen].» –
Mit einem solchen Satz beginnt mittlerweile jeder zweite Bewerbungsprozess. Viele verwenden zunehmend Chat-GPT, Claude, Google Gemini, um ihre Bewerbungsdossiers zu verfassen. Grosse Jobplattformen wie jobs.ch bieten Motivationsschreiben-Generatoren und KI-gestützte Lebenslauf-Tools an. Auf Linkedin kann man sich mit nur einem Klick auf Jobs bewerben, die ein KI-gestützter Algorithmus empfohlen hat. Wie Menschen Arbeit suchen und finden, verändert sich momentan rasant – mit Folgen, die momentan noch kaum absehbar sind.
Nun haben Forscherinnen und Forscher im Auftrag der Arbeitsmarktbeobachtung mehrerer Kantone (Amosa) eine Bestandesaufnahme zur KI in der Jobsuche gemacht. Ihre Studie stützt sich auf Rückmeldungen von 5700 Stellensuchenden und 663 Unternehmen aus den Kantonen Zürich und Zug sowie aus der Ostschweiz. Sie kommt zu überraschenden Ergebnissen: Zwar nutzen bereits zwei Drittel der Bewerber KI für die Stellensuche, aber nur etwas mehr als jedes zehnte Unternehmen für die Rekrutierung. Bei den Bewerbern ist KI bereits angekommen – bei den Arbeitgebern noch nicht.
Dabei gewinnt einen anderen Eindruck, wer Debatten zu Bewerbungsverfahren heute verfolgt: Soziale Netzwerke wie Linkedin sind voll mit Tipps dazu, wie man Bewerbungsprozesse übersteht, die von KI bestimmt werden. Als wäre die grösste Herausforderung, am Recruiter-Bot vorbeizukommen. Doch die Studie zeigt: Am häufigsten wird KI von Unternehmen genutzt, um Stelleninserate zu verbessern. Die Chance, bei einer Bewerbung an ein Unternehmen zu geraten, das mit KI Bewerber auswählt, ist schon fast verschwindend gering.
Aufseiten der Bewerber ist die Situation eine andere: Zwei Drittel der Stellensuchenden verwenden KI, um ihr Dossier zu verbessern. Ein Drittel nutzt KI, um mit dem potenziellen Arbeitgeber zu kommunizieren, Stellen zu suchen oder Jobinterviews vorzubereiten. Erreicht heute ein Motivationsschreiben einen Arbeitgeber, ist also wahrscheinlicher, dass ein Bot das Schreiben verfasst hat, als dass ein Bot es liest.
Bewerber verschicken auch deutlich mehr Dossiers, weil dies dank künstlicher Intelligenz einfacher geworden ist. Grossunternehmen schätzen, dass 49 Prozent aller Bewerbungen, die sie erhalten, auch mit KI erstellt werden. Bei kleinen Unternehmen sind es 34 Prozent. Das sind zwar weniger, als tatsächlich mit KI erstellt wurden – aber in der Summe scheinen doch mehr Bewerbungen bei den Unternehmen anzukommen als bis anhin.
Grosse Unternehmen, mehr KI
So entsteht schliesslich eine Dynamik: Mehr KI bei den Bewerbern führt zu mehr KI bei den Unternehmen. 12 Prozent der Unternehmen rapportieren, eine generelle Zunahme der Zahl der Bewerbungen pro ausgeschriebener Stelle zu beobachten. Das könnte den Druck erhöhen, Jobvergaben auch mit KI zu bewältigen.
So schreibt etwa der Personalvermittler Adecco, der seinen Hauptsitz in Zürich hat, auf Anfrage der NZZ, dass er heute deutlich mehr Bewerbungen als noch vor einigen Jahren erhalte. «Dieser Workload wäre mit rein menschlichen Ressourcen kaum zu bewältigen.» Adecco nutzt KI deshalb gleich mehrfach im Prozess der Jobvergabe: um Inserate zu schreiben, um Dossiers neu zu formatieren und zu sichten, um Bewerbungsgespräche vorzubereiten.
So auch das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC), das seinen Sitz in Zürich hat: «Wir nutzen KI zur Effizienzsteigerung und zur Zeitersparnis für Recruiter.» Das Unternehmen setzt KI vor allem ein, um Stelleninserate zu schreiben oder um mit den Kandidaten zu kommunizieren. PwC betont aber, dass sämtliche Entscheide von Menschen getroffen würden.
PwC spiegelt damit eine Skepsis, die in mittleren und kleinen Unternehmen noch sehr verbreitet ist. Denn Adecco ist eine Ausnahme: Die meisten Unternehmen entscheiden sich dagegen, KI im ganzen Prozess der Jobvergabe einzusetzen. Manche von ihnen schlicht, weil sie zu wenige Bewerbungen bearbeiten müssen, um solche Investitionen zu rechtfertigen. Aber nicht nur.
Risiko gläserner Mitarbeiter
Oliver Kasper ist Ingenieur für Projektmanagement und befasst sich unter anderem an der Zürcher Hochschule für Wirtschaft mit KI bei der Jobsuche. Er sagt, dass man gerade bei Jobvergaben vorsichtig damit sein sollte, KI einzusetzen. «Es geht bei solchen Entscheiden schliesslich um Menschen. Und KI liefert nicht automatisch bessere Entscheide.»
Kasper weist insbesondere darauf hin, dass KI bei Jobvergaben nicht einfach eine schnelle Lösung sei, um Aufgaben abzuschieben. Passt man nicht auf, kann eine KI zum Beispiel Vorurteile reproduzieren, die sie in Trainingsdaten gelernt hat. So kann es passieren, dass eine KI seltener schwarze oder dicke Menschen einlädt. Kasper sagt: «Diese Systeme sinnvoll einzusetzen, braucht grosses Fachwissen und klare Governance.»
Dass Unternehmen vorsichtig damit sind, KI einzusetzen, findet Kasper deshalb gut. Doch er sieht, richtig eingesetzt, auch grosses Potenzial: «Müssen mehrere hundert Bewerbungen geprüft werden, kann KI tatsächlich sinnvoll unterstützen und Prozesse effizienter machen», sagt er. «Vorausgesetzt ist immer, dass Entscheidungen weiterhin beim Menschen liegen.»
Bei Bewerbern, die unternehmensintern den Job wechseln wollten, könne KI ebenfalls hilfreich sein. «Hat man bereits viele Datenpunkte zu einem Mitarbeiter, kann KI Hinweise darauf geben, welche Stellen gut passen könnten.»
Die gleiche Technologie, mahnt Kasper aber auch, könne zum Nachteil der Arbeitnehmer eingesetzt werden. Sammelt eine KI Daten zu individuellen Mitarbeitern, könnten extrem detaillierte Profile entstehen. «Arbeitnehmer würden gläsern. Da braucht es klare Grenzen der Datennutzung, Mitbestimmung und ethische Leitplanken.»
Persönliche Note geht verloren
Doch noch scheint die KI für Bewerber vor allem von Vorteil zu sein. Stellensuchende, die regelmässig KI nutzen, werden öfter zu Bewerbungsgesprächen eingeladen als jene, die KI nur sporadisch oder gar nicht verwenden, wie die Studie zeigt. Ob KI-Nutzung bald auch zu schnellerem Erfolg führen wird, ist hingegen noch offen. Noch bleiben die Stellensuchenden, die KI nutzen, gleich lang beim RAV wie jene, die dies nicht tun. Die Studienautorin Miriam Hofstetter sagt: «Momentan verschafft KI noch keine Jobs. Sie ist aber ein Türöffner.» Hofstetter erklärt das einerseits damit, dass spätestens ab dem Bewerbungsgespräch menschliche Faktoren eine grosse Rolle spielen. «Man kann beim Motivationsschreiben mit KI vieles aufpolieren. Aber geht es um Sympathie, um Qualifikation, um Teampassung, kann die KI nicht helfen.»
Ein zweiter Grund, warum KI noch nicht zu Jobs verhilft, könnte aber auch in der Weise liegen, wie die Systeme genutzt werden. Erst ein Drittel der Bewerber nutzt die Systeme, um beispielsweise ein Bewerbungsgespräch vorzubereiten. Hofstetter sagt: «Man könnte eine KI im Prinzip wie einen persönlichen Jobcoach nutzen – das könnte auch bei Bewerbungsgesprächen einen Vorteil verschaffen.»
Noch wird KI vor allem für Motivationsschreiben genutzt – und das nicht nur gut. Oft, so scheint es, geht deshalb die persönliche Note verloren. 52 Prozent der Unternehmen geben an, dass Bewerbungsunterlagen zunehmend standardisiert wirkten. 51 Prozent der Unternehmen finden, dass Authentizität und Eigenleistung deshalb schwerer einzuschätzen seien.
Für Bewerbungsverfahren dürfte das heissen, dass in Zukunft jene Teile wichtiger werden, die Persönlichkeit oder Leistung aufzeigen: Bewerbungsgespräche, die Probezeit, Referenzen – alles, was so schnell kein Roboter ersetzen wird.
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